Wetterauer Zeitung, 10.05.2016

Per Mausklick zum Öko-Steak

Bad Nauheim (bk). Studenten Anfang 20 denken kaum über den Beruf nach. Das mag noch in Köpfen von Alt-68ern herumgeistern. Heute sind Akademiker in spe zielstrebig und gründen vor dem Examen eine Firma. So wie Arlena Homola und Jannick Scheibner aus Bad Nauheim, die sich ein seltenes Geschäftsfeld ausgesucht haben.

Arlena Homola und Jannick Scheibner halten eine Schafherde. Bald bietet ihr Online-Handel auch Lammfleisch an. (Foto: Nici Merz)

© Bernd Kluehs

Studien der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young zufolge hatte Online-Lebensmittelhandel 2014 in Deutschland einen mickrigen Marktanteil von 0,3 Prozent. Die Prognosen sehen deutlich besser aus, denn bis 2020 sollen es 10 Prozent sein. Auf diesen langsam anrollenden Zug springen die 23-jährige Arlena Homola und ihr Lebenspartner Jannick Scheibner (24) auf. Sie haben sich ein schwieriges Segment für ihre Aria Food GmbH ausgesucht: Der Online-Handel mit Frischfleisch steckt noch in den Kinderschuhen. »Viele Leute müssen lange arbeiten. Sie wollen rund um die Uhr von der Couch aus bestellen«, ist Jannick Scheibner überzeugt. Obwohl er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften ebenso wenig abgeschlossen hat wie seine Freundin die Agrarwissenschaften, haben sie Anfang 2016 ihre Unternehmerkarriere gestartet.

Die beiden jungen Leute setzen voll auf die Öko-Schiene. Das Fleisch stamme aus artgerechter Freilandhaltung in der Region. Sie kaufen Rinder und Schweine von Öko-Betrieben aus dem Vogelsberg und dem Landkreis Waldeck-Frankenberg. »Die Rinder bekommen nur Heu und Gras zu fressen, wie es ihrer Natur entspricht. Maismast oder Behandlung mit Hormonen gibt es nicht«, sagt Arlena Hormola.

In der Anlaufphase der Firma wird nur Rindfleisch aus dem Vogelsberg angeboten. Im Sommer sollen Schwein aus Nordhessen und Lammfleisch hinzukommen. Die Firmengründer halten eine eigene kleine Schafherde bei Ober-Mörlen.

Die Idee, in den Online-Fleischhandel einzusteigen, hat sich im Lauf des Studiums verfestigt. Jannick Scheibner, Sohn eines Tierarztes, jobbte oft in einer Restaurant-Küche. »Der Chefkoch hält nicht viel von deutschem Rindfleisch. Gute Qualität komme aus den USA, Argentinien und Australien.« Die beiden entschlossen sich, mehrere Monate auf Farmen in den Staaten und Australien zu arbeiten. »Dort werden die Tiere noch artgerecht gehalten. Das merkt man dem Fleisch an«, betont der 24-Jährige. Um wenig später eine Einschränkung zu machen: Auch in den USA erhalten Rinder Hormone und werden vor dem Schlachten mit Genmais gemästet.

Erste Kostprobe entscheidend

Nach dem Auslandspraktikum begann die Recherche nach passenden Landwirten und Metzgern. Geschlachtet und zerteilt wird unter anderem in Friedberg und Wölfersheim. »Das Geschäft ist gut angelaufen. Pro Woche wird die Internet-Seite etwa 2000-mal aufgerufen. Das erste Rind haben wir in zehn Tagen verkauft«, berichtet Jannick Scheibner. Viel Kapital war für die Firmengründung nicht nötig, die Familie hat geholfen. Die beiden denken bereits an Expansion. Am liebsten würden sie einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb aufbauen – weiter nördlich, wo es große Wiesenflächen für Tierhaltung gibt. Jannick Scheibner steht in Kontakt mit potenziellen Investoren.

Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst muss sich der Online-Handel etablieren, was schwer genug ist. Derzeit arbeiten die Start-up-Unternehmer von ihrer Wohnung in der Bad Nauheimer Kernstadt aus. Sie wissen, dass es eine Hemmschwelle gibt, weil der Kunde das Fleisch vor der Kaufentscheidung gerne sieht. »Entscheidend ist die erste Kostprobe. Da muss die Qualität überzeugen«, weiß der 24-Jährige. Ein weiterer kritischer Punkt ist die bundesweite Lieferung, wobei die Kühlkette nicht reißen darf. »Wer heute bestellt, erhält sein Fleisch morgen zwischen 8 und 12 Uhr«, versichert er. Auch der Preis ist gewöhnungsbedürftig. Nach Angaben der Geschäftsführer ist ihr Angebot im Online-Handel-Vergleich günstig, etwas teurer als beim Metzger, und es liegt etwa 100 Prozent über den Discounter-Preisen. »Künftig wird weniger, dafür qualitativ hochwertiges Fleisch gegessen«, glauben die Partner.

Darauf hofft auch die Familie Hampel vom Sonnenhof bei Schotten, die mit der Aria Food GmbH in Sachen Rindfleisch kooperiert. Sie vermarkten ihr Fleisch bislang direkt auf dem Hof oder in der Region. Für Marketing und bundesweiten Vertrieb lässt die Rinderzucht keine Zeit. Das übernimmt die Firma, die nicht nur im Internet wirbt, sondern auch per Flyer oder auf dem Friedberger Frühlingsmarkt. »Jannick und Arlena sind sehr engagierte junge Leute, die wissen, was sie wollen. Wir wissen, wie es ist, von null an etwas aufzubauen«, sagt Öko-Landwirtin Sandra Hampel. Obwohl vor allem ihr Mann Bedenken habe, gebe man der Kooperation eine Chance. »Wir versuchen, ein neues Geschäftsfeld zu erschließen.«

Der Online-Auftritt des Unternehmens von Arlena Homola und Jannick Scheibner ist zu finden unter www.greenox.de

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